Massives Montenegro

Wer mit einem Unimog durch die Welt tuckert, reist nicht sonderlich schnell, sondern erarbeitet sie sich Schlagloch für Schlagloch, serpentinenweise – „erfährt“ die Strecke sozusagen. Währenddessen verändern sich Landschaft und Länder klammheimlich, schleichend, immer nur ein Mü (µ).

Auch, wenn die Grenzer das anders sehen. Zwischen Montenegro und Albanien ist ein „riesiger“ Unterschied. An der der Grenze, eine winzige Kabine mit zwei Fensteröffnungen. Hinter der ersten ein montenegrinischer Beamter, dem man am besten ein „Hvalla“ (Montenegrinisch, Danke) entgegnet, wenn man seinen Ausweis nach einer hochtechnisierten Kontrolle zurück bekommt. Verwechselt man das Danke aber zufällig mit einem „Faleminderit“ (Albanisch), schüttelt er nur den Kopf und mahnt, dass dies ja noch Montenegro und nicht Albanien sei. Um dorthin zu gelangen muss sich der Unimog erst einen knappen Meter weiter schleppen, um dann auch das zweite Büro komplett einzudieseln. Ist die Strecke erstmal bewältigt, öffnet sich das zweite Fenster, aus dem der albanische Beamte rausguckt und den Ausweis erneut ausgiebig prüft – mit einem abschließenden „Faleminderit“ natürlich. Dass die beiden Beamten auf denselben drei Quadratmetern hocken und lediglich eine dünne Wand beide voneinander trennt, rührt beide kein bisschen. Nicht mal den knappen Meter.

Drehen wir die Zeit aber nochmal zurück. Nachdem wir Kroatiens Küste hinuntergekurvt sind, führte der Weg nach Montenegro. Bei strömendem Regen, der nicht aufhören wollte, bis er es doch satt hatte und sich lieber in Form von mystischen Wolken zwischen den Bergmassiven auftürmte.

Die Wolken liefern in Montenegro ein starkes Naturschauspiel. Vielleicht aber auch nur, weil die Berge die passendere Bühne dafür bieten. Als hätte jemand den Kontrast angezogen: Die Berge sind massiver, dunkler, die Farben satter, anders als im pastelligen Kroatien. Es knallt optisch. Umso mehr, wenn Bauarbeiter in neonoragenen Anzügen auf dem Pass rumfuhrwerken und versuchen, einen herunter gestürzten Felsen von der Straße zu räumen bzw. ihn kleinzuhacken, was sie wohl mehrere Stunden beschäftigt hätte.

Als sie den Unimog sehen, winken sie ihn aufgeregt zu sich. Ehe wir uns versehen, ist der Spanngurt um den fast hüfthohen Felsen gewickelt. Die Bauarbeiter können ihr Glück kaum fassen, machen bei der Aktion Fotos und jubeln, als der Brocken endlich beiseite und ein Haufen harte Arbeit erspart ist.

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Zurück im Tal. Die Natur wandelt sich rapide. Weniger Oliven und Mandarinen, dafür mehr Granatäpfel und Kastanien, die sich wie Kletten am Unimog festhaken, als wir einem langen schmalen Pfad bis zum „Skadarsko Jezero“, der größte und süßeste See der Balkanhalbinsel, folgen. Zwischendrin ein kleines Dorf, dessen Bewohner ganz zuversichtlich sind, dass wir unter den tiefhängenden Stromleitungen hindurch passen. Zwei Hausmütter eilen gleich aus ihren Häuschen, nicken freudig und halten die Leitung so weit hoch sie können.

In dieser Nacht  schlagen wir unser Lager direkt am See, zwischen verlassenen Fischerdorf-Ruinen, durchwachsen von Granatäpfeln auf. Weit weg von der Zivilisation. Denken wir – bis das Fischervolk anrückt. Erst einer, dann drei, dann vier. Vergnügt stehen sie unter unserem Tarp, als der Regen anfängt zu rieseln, probieren den Podolski-Slijvovic, stecken uns dafür zwei Hände losen Tabak zu. Am nächsten Morgen werden wir von ihnen geweckt. Eine ganze Kiste voll frische Felchen („ukljeva“), ein wohl äußerst feiner und sehr wohlschmeckender Süßwasserfisch, haben sie über Nacht mit ihren Netzen aus dem Wasser gezogen. Bevor die Kiste Richtung Marktplatz wandert, luxen wir ihnen noch schnell zwei kapitale Exemplare ab. Auf dem Rückweg, Achtung, wieder das Kabel. Irgendwann erreichen auch wir unversehrt den Markt. Dort haben sie sich alle versammelt: die Hausmütter, die Fischer, sogar die Felsenbezwinger vom Vortag. Gut gelaunt und vergnügt wie immer, winken sie uns zu sich.

 

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