Albanien, kaputt

Manche fragen uns, ob das nicht zu gefährlich sei. Ob wir keine Angst hätten vor den vielen wildfremden Menschen und Denkweisen. Die Wahrheit ist: es gibt auf diesem Planeten gar nicht so viele.

Das wird einem erst recht in Albanien klar. Die wenigen, die in den paar Bergdörfern leben, ziehen lieber in die noch weniger vorhandenen Städte. In einem Bergdorf, das einen Horizont vom anderen entfernt ist, bleiben daher meist nur ein Dutzend Menschen übrig. Während die Frauen geschäftig ihrem Tagewerk nachgehen, stehen die Männer auf der einzigen Straße und schauen, was so passiert. Zum Beispiel: ein Unimog blubbert vorbei. Nach einem kurzen skeptischen Blick folgt ein breites Grinsen – oft nicht ganz lückenlos.

Albanien, eher bekannt als kriegsgeschädigtes Land, ruht heute friedvoll in sich. Die Wildnis ist weit und unbefahren, die Menschen offen und ehrlich. Wer genau soll hier Kriminelles tun, fragt man sich, wenn Landwirte im Sakko auf Eselskarren über Bundesstraßen kutschieren und Bäuerinnen mit einer Fuhre Strohmais die Pässe hinauf igeln?

In den Nordalbanischen Alpen, dem verwunschenen „Dinarischen Gebirge“, versperren uns die Dorfbewohner wild gestikulierend den Weg. Sie rufen auf Deutsch „Kaputt!“ Ein Wort, das erstaunlich viele hier kennen. Zum Glück ist nicht der Unimog gemeint, der den bröckeligen Asphalt gut wegsteckt. Gemeint ist ein Erdrutsch kurz vor Kukës, der ein Stück der alles verbindenden Straße mit in die Tiefe der Schlucht gerissen hat. Es klafft eine riesige Wunde in dem Berg, die Straße hat nun eine Kurve weniger. Die Bauarbeiter sind jedoch optimistisch, in zwei Tagen sei alles wieder behoben, sagen sie.

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Der Rückweg dauert eine weitere Tagesetappe, entlang der Almen, die süßlich nach Kräutern duften, vorbei an gärenden Strohmaishügeln, die wie Wächter der Wiesen wirken, den alten Gefechtsbunkern, die hinter so manch einer Kurve lauern und den Maronenwäldern, in denen ganze Familien versuchen ihr karges Einkommen aufzubessern.

Zurück am Meer in einem kleinen Städtchen, das nun so gar nicht mehr europäisch wirkt, ruft die Minimarkt-Besitzerin sofort ihre Tochter an, die uns in Englisch erklären soll, dass wir bei unserer Stellplatzsuche besser nicht weiter aufs Land fahren sollen, „wegen der Menschen“. Dort angekommen lässt uns ein Restaurantbesitzer auf seinem Parkplatz Rast machen, bereitet uns gegrillten Calamari zu und macht sich auf den Weg nach Hause, wobei er sämtliche Türen offenlässt. Wir wirken wohl überhaupt nicht kriminell.

Die Nacht verläuft ohne Störenfriede. Dafür krakeelen noch vor Sonnenaufgang die Hähne der Nachbarschaft um die Wette, solange, bis die Hunde sich genötigt fühlen aus Protest noch lauter zu bellen.

Albanien hat gefühlt eher wenig Menschen, dafür aber viele Gesichter. Entlang des Ionischen Meers, südlich der Hauptstadt Tirana, entsteht eine Art albanische „Rivera“. Strände und Hotelpaläste sind so gut wie fertig, stehen aber noch leer. In einem winzigen Ort gibt es sogar eine Tourist-Info, ein kahler Raum, ohne jegliche Karten und Prospekte, dafür ein ratloser Mitarbeiter, der gar nicht fassen kann, dass gerade ein echter Tourist, und das noch außerhalb der Saison, seinen Laden betritt.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir in Himarë, bei Dennis, der in perfektem Deutsch parliert, auf seinem kleinen aber sehr erholsamen Campingplatz mit weißem Kiesstrand – und einem Erdbeben. Aber nur ein kleines.

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