Wüste im Winter

Hinter uns funkeln noch die letzten Sternenbilder, vor uns hellt der Himmel langsam wieder auf, von Schwarzblau zu Morgengrau. Wir sind in der Wüste. Im Winter. Bibbernd sitzen wir auf einer „Kalut“, einer der vielen bizarren Sandskulpturen der iranischen „Kalut Shahdad“, und suchen mit müden Augen den unendlichen Horizont ab.

Weit und breit nichts und niemand. Außer das nette Mädchen der weltreisenden Familie aus Frankreich, das sich extra den Wecker auf Vier gestellt hat, um den Sonnenaufgang mitzuerleben. Sie haben sich mit uns gemeinsam in dieses bezaubernde Wüstenreich vorgewagt. Mittlerweile fahren sie mit ihrem Saurer-Oldtimer-Truck um die Welt, was für sie purer Komfort ist, denn zuvor sind sie mit einem 2-Spänner Zirkuswagen gereist. Vier Kinder, drei Pferde.

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Nun sitzen wir schon eine Stunde lang auf diesem lehmartigen Sandsteingebilde, das sich wie kühles Leder anfühlt, die Morgensonne lässt sich noch Zeit, die Augen werden immer schwerer. Gerade haben wir es fast aufgegeben, vielleicht wird der Tag ja bewölkt, vertreiben uns die Zeit damit, die Kameras vom feinen Wüstenstaub zu befreien, da schwebt, ganz gemächlich, dieser riesige glühende Ballon am Horizont empor. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Auch, wenn der Moment gleich wieder verfliegt. Im Nu steigert sich das tiefe Glühen zum brennenden Stern, der den Boden sogleich wieder hocherhitzt.

Dann trennen sich unsere Wege. Familie La Roulotte de Casimir nimmt den Highway quer durch die Dasht-e Loot, wir fahren jenseits des Asphalts mitten hinein, erst über fossilsteinigen, dann schwarzgewellten Sand. Eine mühselige, holprige Fahrt mit Blick auf diese ewige gerade Linie zwischen Himmel und Sand. Sind Wüsten nicht eigentlich voller Dünen? Dass die Dasht-e Loot keine gewöhnliche ist, werden wir noch zu spüren bekommen.

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Nach 30 Kilometern und knapp zwei Stunden Fahrt auf dieser Ruckelpiste reißt eine Schlucht den Horizont in die Tiefe, mit Sicht auf einen Ozean aus erstarrtem Sand. Dort irgendwo, in weiter Ferne, liegt der heißeste Punkt der Erde. Mit bis zu 70° Grad im Sommer sollen sogar Bakterien das Zeitliche segnen. Weil es aber gerade die kälteste Zeit des Jahres ist, erreichen die Temperaturen nur 35° Grad.

In dieser Nacht schlagen wir das Camp an einer Brandung des Sandmeeres auf. Starker Wind pfeift um den Wagen und das Lagerfeuer. An Bord befinden sich noch genügend Wasser- und Lebensmittelreserven, die eigentlich vier Tage reichen sollten. Hoffentlich. Mitten im Nichts zu sein ist an sich wundervoll, gebe es nicht die Tatsache, dass es dort von allem viel zu wenig gibt. Außer Sterne, davon zählen wir in dieser Nacht Trilliarden.

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Langweilig wird es im Nichts nie. Im Gegenteil. Der Wüstensand gibt uns jeden Tag neue Rätsel auf. Jede Formation, jede Düne, jede Ebene ist extrem andersartig und noch dazu ziemlich unberechenbar. War die schwarze Sandfläche dort drüben noch angenehm fest, sinkt der Unimog an anderer Stelle darin ein. Auf den steinig-verkrusteten Böden klappt es besser, aber nur solange, bis sich herausstellt, dass darunter ein klebriges Lehmbecken liegt. Je mehr wir versuchen, die Dasht-e Loot einzuschätzen, umso mehr macht sie uns unmissverständlich klar, dass das so gut wie unmöglich ist.

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Am vierten Tag machen wir langsam kehrt, erreichen die Wüstenstadt Shahdad, tanken frisches Wasser und bessern Essensvorräte auf. Dann begeben wir uns gleich wieder in die Wüste, diesmal in die weiter nördlich gelegene Dasht-e Kavir, wo wir kunstvoll geschwungenen Wanderdünen und neugierigen Schwarzkäfern begegnen – und unserem Doppelgänger Herr Möglich.

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