Im Wolga Labyrinth

Wir haben kein einziges Foto von ihm. Er hätte es vielleicht auch gar nicht gewollt, ohnehin hat er nicht viel von sich preisgegeben: Sergej, der Angelprofi vom Wolgadelta. Im kleinen Fischerdörfchen wurde er wärmstens empfohlen. Er wird uns heute zeigen, wo die großen Hechte stehen.

In seinem Motorboot brausen wir durch das größte Flussdelta Europas, bis zur Mündung an der Nordküste des Kaspischen Meeres. Vorbei an den hölzernen Kanus, die ruhig vor den Anlegern der kleinen Häuschen schaukeln und noch einen Schlenker um die Kühe, die Morgens anmutig auf die andere Uferseite paddeln, weil das Gras auf der anderen Seite bekanntlich grüner ist.

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Sergej liegt das Reden nicht so. Schweigen hat er dafür perfektioniert. Ein Blick genügt und es ist alles gesagt. Es geht ja auch nicht ums Plaudern heute, sondern ums Angeln. Da kann es schon mal vorkommen, dass man den gesamten Tag den Rand hält.

An einer Schilfinsel, in der die Kröten laut durcheinander quasseln, machen wir den ersten Halt. Sergej wirft seine Rute aus. Nur ein einziger, gezielter Wurf und er hat sofort einen kapitalen Hecht am Haken. Wir sind schwer beeindruckt. Er kann sich das Grinsen nicht verkneifen, seine Goldzähne glänzen dabei in der Sonne. Dann verzieht er für den Rest des Tages keine Miene mehr. Der Meister, mit seinem sowjetischen Camouflage-Angelanzug und den uralten Gummischlappen, hat nicht so viel mit anderen am Hut, dafür aber ein feines Gespür für die See und alles, was sich darin befindet.

Schweigend blicken wir aufs Wasser. Leider ist ausgerechnet jetzt nicht die Jahreszeit, in der die Lotusblüten die Wolga zum Leuchten bringen. Es ist bewölkt. Zeit zum Angeln. Der Köder muss dabei direkt vorm Schilf landen, ohne dass er sich darin verheddert. Sergej balanciert mit seiner Angel auf dem Bug und pellt die Haut von kleinen, zähen Räucherfischen, die er zum Mittag und fortwährend den ganzen Tag verzehrt.

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In der nächsten Stunde beißt nichts mehr an. Aber die Hoffnung wächst mit jeder Minute. Der erste Hecht, der arme Glücksfang, schwimmt in einer Reuse neben dem Boot hin und her. Das Quak-Orchester im Schilf steigert sich ins Panische, die Wasservögel schnattern gerade darin herum und schnappen sich den ein oder anderen. In der Wolga wimmelt es vor Fröschen, Fischen und deswegen auch Vogelarten: Krauskopfpelikan, Seeadler, Kormoran, Beutelmeise oder Weißbartseeschwalbe, um nur einige der 300 zu nennen. Über uns kreist aber nur eine kreischende Möwe und zwischen dem Schilf lugt demonstrativ ein Graureiher mit Fisch im Schnabel hervor.

Wir fangen nichts.

Jetzt reißt auch Sergejs Geduldsfaden, er wirft den Motor an und manövriert das Boot mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit direkt in die Arme des Wolgadeltas, durch jede kleinste Ader, ein verästeltes Labyrinth, das an der Küste fast 200 Kilometer misst. Sergej kennt es wie seine linke Westentasche. An einer entlegenen Flussinsel, die man nur erreicht, wenn man mehrmals links, im Kreis und dann halb rechts-mittig hinein steuert, versuchen wir erneut unser Glück.

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Die Wolken ziehen langsam vorüber, die Köder an Bord beginnen im warmen Sonnenlicht zu reflektieren: winzige Silberplättchen, verrückte Neonpuschel, glibberige Minitierchen. So nennen echte Angler das natürlich nicht. Auch, wenn es genau so aussieht. Sergej schmunzelt heute noch ein zweites und letztes Mal, als tatsächlich ein Hecht auf unseren überdimensionierten Wabbelfrosch-Köder reinfällt.

Auf dem Weg zurück durch die unzähligen Arme scheint die Abendsonne: Die Wolken, das Boot und der Rest der Welt spiegeln sich im klaren Nass. Wir könnten auch auf dem Kopf stehen, es würde keiner bemerken. In der Reuse wimmelt es mittlerweile vor Hechten. Die kleinen Barsche haben wir freigelassen.

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Die größeren Kaliber hat – zugegeben – Sergej geködert. Später an Land wird er sie ausnehmen und über Nacht in seiner Kammer räuchern. Die nächsten Tage wird es Räucherfisch und Hechtsuppe geben.

Nach einem langen Tag sind wir wieder am Ufer angekommen. Wir sagen noch schnell Tschüss, auf Russisch: Пока. Sergej richtet nur sein Mützenvisier und nickt. Es war ein tiefenentspannter Tag – mit einem echten, stillschweigenden Wolgafischer. In den Tiefen des Wolgalabyrinths.

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